11.06.2024 · Carla Porges

Thüringische Landesheil- und Pflegeanstalten Stadtroda (ab 1943 Thüringisches Landeskrankenhaus Stadtroda)

Die 1848 gegründete Landesheilanstalt Stadtroda gehörte während der Zeit des Nationalsozialismus zu den drei großen Heilanstalten Thüringens. Als Landesheilanstalt unterstand sie dem Ministerium des Inneren und war in dieser Funktion unmittelbar in die Umsetzung eugenischer Verbrechen der Nationalsozialisten zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ eingebunden.1
 

1943 wurde die Landesheilanstalt in „Thüringisches Landeskrankenhaus“ umbenannt und umfasste zu diesem Zeitpunkt neben der Psychiatrisch-neurologischen Abteilung eine Medizinisch-chirurgische Abteilung, Jugendpsychologische Abteilung, Tuberkulose-Abteilung und eine Abteilung für geschlechtskranke Frauen.2 

In den Jahren 1933 bis 1945 verstarben mindestens 2267 Stadtrodaer Patienten.3 Die Sterberate war mit 18,6 Prozent und 17 Prozent in den Jahren 1940 bzw. 1941 am höchsten.4 Als häufigste Todesursache war Herz-Kreislaufschwäche vermerkt.5 Mit dieser Diagnose wurde oft die Tötung von Patienten durch Medikamentengabe, Entzug von therapeutischen Maßnahmen oder Mangelernährung im Rahmen der „dezentralen Euthanasie“ verschleiert.

Eine der ersten eugenischen Maßnahmen, welche von der nationalsozialistischen Regierung implementiert wurde, war die Verabschiedung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Dieses am 14. Juli 1933 verabschiedete Gesetz ermöglichte die Durchführung von Zwangssterilisation. Bis 1945 wurden mindestens 252 Patienten der Landesheilanstalt auf Grundlage von Urteilen an den dafür eingerichteten Erbgesundheitsgerichten zwangssterilisiert. Ein Großteil der Zwangssterilisationen Stadtrodaer Patienten erfolgte an der Chirurgischen Klinik und der Frauenklinik der Universität Jena.6 Die Landesheilanstalt war zudem selbst autorisiert, Zwangssterilisationen an männlichen Patienten durchzuführen.7 Zusätzlich erstellten Ärzte des Landesheilanstalt Gutachten für das Erbgesundheitsgericht (EGG) und Erbgesundheitsobergericht (EGOG) in Jena und waren als Beisitzer direkt an der Urteilsfindung beteiligt.

Mit dem Runderlass vom 18. August 1939 des Reichsministeriums des Inneren erfolgte eine Ausweitung der eugenischen Maßnahmen. Diese Vorgabe verpflichtete Hebammen und Ärzte dazu, Kinder u. a. mit „Idiotie sowie Mongolismus“ und „Mißbildungen jeder Art“ an das örtliche Gesundheitsamt zu melden. Die Gesundheitsämter leiteten die gesammelten Meldungen an den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“. Zunächst wurden Kinder bis drei Jahre und ab 1942 bis 16 Jahre erfasst.

Zur Begutachtung und Tötung dieser „Reichsausschusskinder“ wurden deutschlandweit spezielle Kinderfachabteilungen eingerichtet, so auch im Martinshaus der Landesheilanstalt Stadtroda. Zwischen Januar 1940 bis April 1945 verstarben in der Landesheilanstalt 196 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre – 103 davon in der Kinderfachabteilung.8 Stationsärztin der Kinderfachabteilung war Dr. Margarete Hielscher, welche trotz ihrer Beteiligung an der „Kindereuthanasie“ bis März 1965 als Oberärztin der Kinderabteilung an der Landesheilanstalt arbeitete.9

Im Rahmen der zentral organisierten Gasmordaktion „Aktion T4“ erfolgte ab 1939 die Erfassung der Patienten aller Heil- und Pflegeanstalten mittels Meldebogen. Diese enthielten unter anderem Angaben zur Diagnose, Verweildauer und der Arbeitsleistung der Patienten. Die Landesheilanstalt Stadtroda sendete, unter Missachtung der ärztlichen Schweigepflicht, bis zum 31. August 1941 mindestens 603 ausgefüllte Meldebögen an die Abteilung „Erb- und Rassenpflege“ beim Reichsministeriums des Inneren.10 Eine Kopie des Meldebogens ging an das in Weimar ansässige Landesamt für Rassewesen.11 Wurden die Patienten anhand des Meldebogens als „lebensunwert“ eingeschätzt, erfolgte deren Verlegung in sogenannte Zwischenanstalten. Diese dienten zur Verschleierung des eigentlichen Tötungsortes. Von den Zwischenanstalten wurden die Patienten, meist nach kurzem Aufenthalt, in eine der sechs Tötungsanstalten (Pirna Sonnenstein, Grafeneck, Bernburg, Brandenburg, Hartheim, Hadamar) verlegt. In diesen Tötungsanstalten erfolgte die Ermordung der Patienten direkt am Tag ihrer Ankunft. Im September 1940 fand eine Verlegung von 61 Patienten nach Zschadraß statt. Dieser Ort diente als Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Pirna Sonnenstein.12

Verlegungen von Patienten erfolgten auch von anderen Einrichtungen nach Stadtroda. So kamen unter anderem 1941 54 Kinder aus dem Anna-Luisen-Stift von Bad Blankenburg nach Stadtroda, von denen 24 innerhalb kurzer Zeit verstarben.13 Außerdem übernahm Stadtroda 1940 Patienten aus der der aufgelösten Landesheilanstalt Blankenhain.14

Zwischen der Landesheilanstalt Stadtroda und der Universität Jena sowie dem EGG/EGOG Jena bestanden enge Verbindungen. Eine Verbindung zwischen der Kinderfachabteilung und dem Kinderkrankenhaus Jena lässt sich für 23 Kinder nachweisen. So enthalten zwei Überweisungen des Kinderarztes Jussuf Ibrahim an die Kinderfachabteilung den Vermerk „Euthanasie“.15 Auch erfolgten von der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Universität Jena aus Überweisungen von Patienten an die Landesheilanstalt Stadtroda.16

Der Direktor der Landesheilanstalt von 1931 bis 1936, Heinrich Boening, war als Beisitzer am EGG Jena und zwischen 1933 bis 1937 als Dozent sowie ab 1936 als nichtbeamteter außerordentlicher Professor an der Universität Jena tätig.17 Sein Nachfolger, der Kinderarzt Berthold Kihn, war neben seiner Tätigkeit als kommissarischer Direktor der Landesheilanstalt Stadtroda (1936–1938) seit 1937 Gutachter für das EGOG in Jena. Ab 1938 übernahm er die Professur für Psychiatrie einschließlich der Leitung der Psychiatrischen und Nervenklinik mit Poliklinik in Jena. Von 1944 bis 1945 wirkte er als Dekan der medizinischen Fakultät in Jena.18 Im Rahmen der „Aktion T4“ arbeitete er als Gutachter und war somit aktiv in die „Euthanasie“ von Patienten eingebunden.19 Gerhard Kloos leitete ab 1939 bis zum Kriegsende 1945 die Landesheilanstalt. Auch er war, wie seine Vorgänger, Beisitzer am EGOG in Jena. Unter seiner Leitung wurde die Kinderfachabteilung in der Landesheilanstalt eingerichtet.20 In den ca. sechs Jahren seines Direktorats verstarben über 1500 Patienten. An der Universität Jena übernahm er ab 1940 eine Lehrtätigkeit als Dozent für Psychiatrie und Neurologie.21

Trotz aufgenommener Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter der Landesheilanstalt nach dem Krieg wurden die nationalsozialistischen Eugenikverbrechen in Thüringen kaum strafrechtlich verfolgt. Viele Täter konnten nach dem Krieg weiterarbeiten, so zum Beispiel der ehemalige Direktor Gerhard Kloos, welcher 1954 ärztlicher Direktor der psychiatrischen Landesklinik Göttingen wurde. Eine im Jahr 2000 aufgenommene Ermittlung wegen mehrfachen Mordes gegen Rosemarie Albrecht, welche von 1940 bis 1942 als Assistenzärztin in der psychiatrisch-neurologischen Frauenstation arbeitete, führte aufgrund des hohen Alters der Beschuldigten nicht zu einem Verfahren.22 Unter ihrer Leitung verstarben 159 Patienten, darunter 11 Mädchen aus dem Transport aus Bad Blankenburg.23

1998 erfolgte die Errichtung eines von Karola Nitz gestaltete Mahnmals im Park des Krankenhauses. Zusätzlich erinnert ein Informationstafel auf dem Klinikgelände an die systematische Ermordung von Patienten während der Zeit des Nationalsozialismus.  


Endnoten

  1. Willy Schilling. Hitlers Trutzgau Thüringen im Dritten Reich Band II. Verlag Bussert & Stadeler 2008. S.40.
  2. Willy Schilling. Hitlers Trutzgau Thüringen im Dritten Reich Band II. Verlag Bussert & Stadeler 2008. S.44.
  3. Renate Renner (2004). Zur Geschichte der Thüringer Landeheilanstalten / des Thüringer Landeskrankenhauses Stadtroda 1933 bis 1945 unter besonderer Berücksichtigung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ [Dissertation]. Jena: Friedrich-Schiller-Universität. S.2.
  4. Willy Schilling. Ärzte und das System nationalsozialistischer Euthanasie in Thüringen. In: Menschliche Verantwortung gestern und heute. Schriftenreihe der Landesärztekammer Band 4. Landesärztekammer 2008. S. 113.
  5. Matthias Wanitschke (2005). Archivierter Mord Der SED-Staat und die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Stadtroda. Quellen zur Geschichte Thüringens. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. S. 200.
  6. Renate Renner (2004). Zur Geschichte der Thüringer Landeheilanstalten / des Thüringer Landeskrankenhauses Stadtroda 1933 bis 1945 unter besonderer Berücksichtigung der nationalsozialistischen „Euthanasie“. [Dissertation]. Jena: Friedrich-Schiller-Universität. S.47.
  7. Willy Schilling. Ärzte und das System nationalsozialistischer Euthanasie in Thüringen. In: Menschliche Verantwortung gestern und heute. Schriftenreihe der Landesärztekammer Band 4. Landesärztekammer 2008. S. 110.
  8. Willy Schilling. Ärzte und das System nationalsozialistischer Euthanasie in Thüringen. In: Menschliche Verantwortung gestern und heute. Schriftenreihe der Landesärztekammer Band 4. Landesärztekammer 2008. S. 117.
  9. Matthias Wanitschke (2005). Archivierter Mord Der SED-Staat und die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Stadtroda. Quellen zur Geschichte Thüringens. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. S.220.
  10. Willy Schilling. Hitlers Trutzgau Thüringen im Dritten Reich Band II. Verlag Bussert & Stadeler 2008. S.40.
  11. Willy Schilling. Hitlers Trutzgau Thüringen im Dritten Reich Band II. Verlag Bussert & Stadeler 2008. S.44.
  12. Renate Renner (2004). Zur Geschichte der Thüringer Landeheilanstalten / des Thüringer Landeskrankenhauses Stadtroda 1933 bis 1945 unter besonderer Berücksichtigung der nationalsozialistischen „Euthanasie“. [Dissertation]. Jena: Friedrich-Schiller-Universität. S.62.

    Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und dem Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945[Hrsg.]. Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes unter der Verfolgung 1933-1945 Band 8 Thüringen. VAS 2003. S. 216.

    Willy Schilling. Ärzte und das System nationalsozialistischer Euthanasie in Thüringen. In: Menschliche Verantwortung gestern und heute. Schriftenreihe der Landesärztekammer Band 4. Landesärztekammer 2008. S. 110.

  13. Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und dem Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945[Hrsg.]. Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes unter der Verfolgung 1933-1945 Band 8 Thüringen. VAS 2003. S.232.

    Willy Schilling. Ärzte und das System nationalsozialistischer Euthanasie in Thüringen. In: Menschliche Verantwortung gestern und heute. Schriftenreihe der Landesärztekammer Band 4. Landesärztekammer 2008. S.112.

  14. Stephan Weichold (2015). Die Geschichte der Landesheilanstalt Blankenhain im Zeitraum 1933 bis zur Auflösung am 31.03.1941. [Dissertation]. Jena: Friedrich-Schiller-Universität. S.83.
  15. Renner, R., Zimmermann, S (2003): Der Jenaer Kinderarzt Jussuf Ibrahim (1877–1953) und die Tötung behinderter Kinder im Nationalsozialismus. In: Hoßfeld U, John J, Lemuth O, Stutz R [Hrsg.]: „Kämpferische Wissenschaft“ Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Köln: Böhlau. S. 443.

    Marco Schrul, Jens Thomas. Kollektiver Gedächtnisverlust: Die Ibrahim Debatte 1999/2000. In: Hoßfeld U, John J, Lemuth O, Stutz R [Hrsg.]: „Kämpferische Wissenschaft“ Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Köln: Böhlau. S. 1069.

  16. Hill, J (2007): Zum Schicksal männlicher Patienten der Jenaer Psychiatrischen- und Nervenklinik 1933 bis 1945 nach ihren Verlegungen in die Landesheilanstalten Stadtroda und Blankenhain. [Dissertation]. Jena: Friedrich-Schiller-Universität. S.44.
  17. Renate Renner (2004). Zur Geschichte der Thüringer Landeheilanstalten / des Thüringer Landeskrankenhauses Stadtroda 1933 bis 1945 unter besonderer Berücksichtigung der nationalsozialistischen „Euthanasie“. [Dissertation]. Jena: Friedrich-Schiller-Universität. S.12.
  18. Hoßfeld, U., J. John, R. Stutz (2003): >>Kämpferische Wissenschaft<<: Zum Profilwandel der Jenaer Universität im Nationalsozialismus. In: Hoßfeld U, John J, Lemuth O, Stutz R [Hrsg.]: „Kämpferische Wissenschaft“ Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag, S.68.
  19. Zimmermann, S., Zimmermann, T. (2003): Die Medizinische Fakultät der Universität Jena im „Dritten Reich“ – ein Überblick. In Hoßfeld U, John J, Lemuth O, Stutz R [Hrsg.]: „Kämpferische Wissenschaft“ Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, Köln: Böhlau, S. 417.
  20. Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und dem Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945[Hrsg.]. Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes unter der Verfolgung 1933-1945 Band 8 Thüringen. VAS 2003. S.216.

    Renate Renner (2004). Zur Geschichte der Thüringer Landeheilanstalten / des Thüringer Landeskrankenhauses Stadtroda 1933 bis 1945 unter besonderer Berücksichtigung der nationalsozialistischen „Euthanasie“. [Dissertation]. Jena: Friedrich-Schiller-Universität. S.19.

  21. Renate Renner (2004). Zur Geschichte der Thüringer Landeheilanstalten / des Thüringer Landeskrankenhauses Stadtroda 1933 bis 1945 unter besonderer Berücksichtigung der nationalsozialistischen „Euthanasie“. [Dissertation]. Jena: Friedrich-Schiller-Universität. S. 50.

    Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und dem Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945[Hrsg.]. Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes unter der Verfolgung 1933-1945 Band 8 Thüringen. VAS 2003. S.158.

    Renner, R., Zimmermann, S (2003): Der Jenaer Kinderarzt Jussuf Ibrahim (1877–1953) und die Tötung behinderter Kinder im Nationalsozialismus. In: Hoßfeld U, John J, Lemuth O, Stutz R [Hrsg.]: >>Kämpferische Wissenschaft<< Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Köln: Böhlau, S. 438.

  22. www.spiegel.de7panorama/anklage-gegen-medizinprofessorin-aerztin-wegen-ns-euthanasie-vor-gericht-a-283790.html

    Norbert Jachertz. Jena und der „Fall Albrecht“ Eine finstere Geschichte. Deutsches Ärzteblatt 2005. Jg. 100. Heft 39. A2490-2494.

    Rainer Erices; Antje Gumz. Der Fall Rosemarie Albrecht: Zu Ende begutachtet. Deutsches Ärzteblatt 2005. Jg. 102. Heft 33. A2223-2227.
     

  23. Matthias Wanitschke (2005). Archivierter Mord Der SED-Staat und die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Stadtroda. Quellen zur Geschichte Thüringens. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. S.158 & S.199.